BBSR „Raumordnungsprognose 2030“ im Spiegel 12/2015

von Stefan Opitz, 15. März 2015

Immer wieder Sonntags: Zeit für ein wenig Excel und Zahlen.

Der morgige Print-Spiegel 12/2015 wartet mit einer Titelgeschichte über den demografischen Wandel in Deutschland bis 2030 auf. Grundlage dafür ist die Studie „Raumordnungsprognose 2030“ des „Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung“, deren Rechenergebnisse man unter dem Link super als Excel-Rohdatei herunterladen kann. Während des Schreibens dieses Artikel bekam ich von Olaf Cunitz per Twitter den Hinweis, dass die Prognose bereits älter sei — schade, dass auf der Webseite kein einfach ersichtliches Veröffentlichungsdatum steht.

Seitdem ich seit gestern Abend ein wenig in die Zahlen geschaut habe, teile ich zwar die These des Spiegels „es kommen härtere Jahre“, aus Darmstädter Sicht ist die Studie aber von der Realität überholt und die Auswertung unterschätzt aus heutiger Sicht eher den Umbruch, der Hessen und Deutschland erwartet.

Auch hier wieder der Reihe nach:

Auf die Studie aufmerksam wurde ich gestern durch ein paar Tweets von Peter Löwenstein:

Seinem abschließenden Motto „“Wir können nicht ohne Darmstadt, und Darmstadt kann nicht gegen uns.“ stimme ich da auch zu. Aber die Zahlen haben mich verwundert.

Also habe ich mal nachgeschaut in der Exceldatei und stelle ein paar Zahlen im folgenden zusammen. Die Studie verwendet „bis 2009 amtliche Statistik, z.T. mit Umschätzungen“ und „ab 2010 Prognoserechnung“. Es ist also nun möglich, über 4 Jahre die Prognose auf die Wirklichkeit zu validieren. Da ich beruflich im Spannungsfeld zwischen klassischen Wasserfall-Projektvorgehen und agilen Methoden stecke, schmunzel ich an dieser Stelle still und notiere es mir für später… Insgesamt bleibt aber ein spannendes Beispiel, wie Planung innerhalb kürzester Zeit von der Realität überholt wird.

Nun aber die Zahlen, zuerst BBSR (aus Faulheit nur bestimmte Jahre genommen):

Jahr 2009 2010 2012 2014 2016 2030 MAX
(2015-
2039)
Darmstadt 143.300 143.400 143.800 144.800 145.400 136.200 145.500
Frankfurt 671.900 672.100 675.000 680.700 685.100 663.700 686.500
Darmstadt-Dieburg 288.900 288.700 288.800 289.200 290.000 300.700 300.700

 

Dann der Abgleich mit den statistischen Berichten der gewählten Beispiele (für den Landkreis aus dem Bericht der Stadt Darmstadt entnommen):

Jahr 2009 2010 2012 2014
Darmstadt 142.237 143.276 150.155 154.002
Frankfurt 648.451 656.427 678.691 708.543
Darmstadt-Dieburg 288.918 289.199 284.413 290.032
(2013)

 

Was mir hierbei auffällt:

Ich frage mich, was mit der Frankfurter Zahl von 2009 los ist, die in beiden Fällen ja die Realität darstellen sollte… Aber hier geht es erstmal nur um Darmstadt und den Kreis, also einfach für mich ;-)

Insgesamt gab es in vielen Bevölkerungs-Statistiken durch den Zensus 2011 einen Bruch, der viele Fehler der bisherigen Fortschreibungen korrigierte. Die Zahlen ab 2012 sind daher meist Melderegisterauszüge.

Langjährige Hochrechnungen von der Realität überholt

Ich will jetzt auch nicht auf die letzte Einerstelle raus, aber wenn die Zahlen für 2014 der Stadt Darmstadt um 6% und für Frankfurt um 4% abweichen, sehe ich, dass der Trend zurück zu Stadt der letzten Jahre in der Modellrechnung nicht wirklich beachtet wurde (bzw. noch nicht vorhergesehen wurde). Und hier überholt uns die Realität. Es ist also davon auszugehen, dass die im Spiegel nun beschriebenen Auswirkungen für die ländlichen Räume extremer werden, gerade in Richtung 2030. Das wird uns auch zwischen der Rhein-Main-Region und Mittelhessen noch heftige Diskussionen über Verteilungen bringen.

Und nicht zuletzt muss man auch davon ausgehen, dass diverse aufbauende Prognosen zur Infrastrukturplanung inzwischen von der Realität abweichen. So lässt sich beispielsweise die Nordostumgehungs-Verkehrsprognose „Nullfall, 2015“ inzwischen auch mit der Realität abgleichen (nächsten Sonntag bin ich in Kurzurlaub, aber da findet sich bestimmt mal Zeit =) ).

RheinMain steht vor großen Herausforderungen

Dass die Auswirkungen für die großen Städte ungleich größer sind, können wir auch beobachten: Nach Frankfurt ist über die letzten Jahre das Äquivalent von Fulda gezogen, mit den entsprechenden Auswirkungen auf den Wohnungsmarkt. Nach Darmstadt ist dafür die Baudezernentin aus Fulda gezogen… Und auch die Bevökerungsmenge einer ordentlichen Kleinstadt. Die Folgen beispielsweise in der Auslastung der Verkehrsinfrastruktur oder dem Wohnungsmarkt eint uns im Rhein-Main-Gebiet. Und erfordert ein noch größeres gemeinsames Vorgehen der Metropolregion FrankfurtRheinMain (Durchstreichung des Namens von mir).

Was bringt die Zukunft?

Ob der Trend so bleibt, oder ob neue Gebiete wie Lincoln in Darmstadt oder die Entwicklungen in Frankfurt in 30 Jahren leer stehen, wird uns natürlich auch nur die Realität beantworten. Womit ich wieder beim Bogen zu meinem IT-Vergleich Wasserfall zu agil bin — wir werden uns permanent anpassen müssen, was teilweise schwer ist, wenn man Infrastruktur für bis zu 80 Jahre geplante Nutzungsdauer baut. In Software ist das leichter.

Aber bei den Trends zu einer alternden Gesellschaft, Ressourcenknappheit, dem globalen Trend zur Stadt, aber auch der Individualisierung der Gesellschaft und damit verbunden Wegfall etablierter Kollektive glaube ich an den weiteren Trend zur Stadt auch in Deutschland.

(und nebenbei finde ich es immer wieder erstaunlich, wie schnell man sich heutzutage überregional über so ein Thema austauscht)

One comment

Hallo Stefan,

danke. Gut aufbereitet. Deine Schlußfolgerungen und Einschätzungen teile ich.

Liebe Grüße,
Peter

by Peter Löwenstein on 15. März 2015 at 14:25. Antworten #

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