Mal wieder: Grafenstraße

von Stefan Opitz, 10. November 2013

In den letzten Wochen kocht das Thema Verkehrsführung Grafenstraße wieder verschiedentlich hoch und ich muss jetzt mal etwas länger zu den bemühten Umfragen und Argumenten schreiben.

Was mich zuerst sehr enttäuscht hat war der Blogartikel von Marc Wickel, in dem falsche Zahlen zur Briefbefragung wiedergegeben werden, und das so auch in einen Printartikel Einzug hielt. Auszug:

Nur eine Briefbefragung hatte rund 430 Teilnehmer. Und da waren etwa 40 für eine Einbahnstraße, 130 aber kritisierten die Regelung. In der Mollerstadt leben rund 3200 Menschen.

Die Briefbefragung hatte zum einen 497 Rückläufer (ok, das ist auch rund 430…) (S.29). Sie wird vom Auswerter beschrieben mit: „das Antwortverhalten bei den Anwohnern ist von daher mit wenigen Abstrichen als eine quasi repräsentative Stichprobe der Einwohnerschaft anzusehen“ (s.27) und die Rücklaufquote mit 28% um knapp das doppelte über Vergleichsumfragen im Bundesdurchschnitt bewertet (S.26).

Wenn ich jetzt aber in die Details schaue, verstehe ich die Herleitung überhaupt nicht mehr: Die Zahl 130 kommt nicht einmal im Dokument vor. Auf Seite 30 kommen dann die Rückmeldungen: Frage 6 Wie bewerten Sie grundsätzlich die in der
Testphase umgesetzte geänderte Verkehrsführung ?
Antworten: positiv 285 / 57,3%, negativ 139/28,0%, kein Unterschied 41/8,2%. Das ist schon was anderes als „40 waren für eine Einbahnstraße, 130 dagegen“.

Interessant finde ich die Antworten zu Frage 7 unter dem Eindruck zur Frage 6: „Wie wirkt sich die geänderte Verkehrsführung für Sie persönlich aus ?“ Die Antworten: positiv 220/44,3%, negativ 153/30,8%, kein Unterschied 98/19,7%. Meine Deutung: Obwohl nicht alle persönliche Vorteile durch die Verkehrsführung haben, bewerten mehr Leute die insgesamte Lage positiv. So viel zu schweigenden Masse, die sich nicht laut artikuliert.

In den Einzelauswertungen ab Seite 31 zeigen für mich noch: Die grundsätzliche Bewertung ist bei jüngeren Personen positiver als bei älteren (aber immer zumindest hauchdünn mehrheitlich positiv). Gewerbetreibende sehen die Verkehrsführung mehrheitlich grundsätzlich positiv. Für Radfahrer und Fußgänger wurden die deutlichsten Verbesserungen erzielt. An Zustimmung fehlt es nur in Adelung- und Saalbaustraße, die aber in der Folge mit Phase 2 deutlich entlastet wurden.

Mein Fazit aus der Umfrage ist ein völlig anderes als im Journalismus — und ich persönlich schätze, dass die Werte durch Phase 2 bei einer neuen Umfrage sich nochmal verbessern würden.

Gestern dann hatte ich das Vergnügen, an einem Stand der SPD in der Adelungstraße die Thematik zu diskutieren. Das hat mir zum einen gezeigt, warum das Sanierungsgebiet jahrelang nicht voran ging (sinngemäß: ist doch alles gut im Viertel mit seinem morbiden Charme — ich teile da eher die Einschätzungen aus den vorbereitenden Untersuchungen). Positiv fand ich immerhin, dass man angab, so mancher skuriler Pasantenmeinung („Das wird nur gemacht, weil die Lindscheid die Edelkarren hier raushaben möchte“) zu widersprechen. Immerhin da wird die Diskussion sachlich geführt.

Die Forderungen sind dann aber doch irgendwie wilde Versatzstücke ohne Konzept. Mein Einwand „Wenn sie hier Zweirichtungsverkehr mit extra Radwegen haben möchten, müssen aber alle Parkplätze weg“ wird mit „Na und, gibt doch ein Parkhaus da drüben“ weggewischt. Auf der anderen Seite sollen aber die Parkplätze vorm Stadthaus erhalten werden. Dass die nach den Planungen wenige Meter verschoben bzw. über den Verlauf der Straße verteilt werden, ist schlecht: Da entfallen andere Parkplätze beim Küchengeschäft (Ach, Parkhaus?). Diese gibt es aber auch erst seit der Einbahnstraße…

Nebenbei verweist man auf Verkehrsuntersuchungen aus Phase 1, beschreibt die Grafenstraße als Hauptstraße, stellt Behauptungen zur Geschwindigkeit auf und verteufelt den geplanten Kreisel Elisabethenstraße / Zimmerstraße, der immerhin den Kritikpunkt der schlechten Wendemöglichkeit beseitigt (Auch hier lohnt wieder der Blick nach Frankfurt, wo so etwas schon erfolgreich funktioniert). Für mich war das alles nicht überzeugend.

Ebenso wenig überzeugen mich — nicht nur bei der SPD — die fortwährenden Hinweise auf das herrschende Chaos. Ja, immer noch sorgen insbesondere Falschparker im Kreuzungsbereich für Behinderungen. Aber insgesamt sehe ich hier eine Wahrnehmung ohne Erinnerung an die Vergangenheit: Vor Beginn der Testphasen war die Kreuzung Adelungstraße / Grafenstraße regelmässig völlig blockiert bzw „verkeilt“ und das ganze von Geschrei, Hupen und quietschenden Reifen beim Losrasen nach der Auflösung begleitet. Das ist definitiv nicht mehr der Fall. Dass ich vor Beginn der Testphase zweimal von Autos vom Rad geholt wurde und seitdem nicht mehr, ist aber bestimmt nur eine Einzelmeinung.

Fazit: Ich persönlich bin weiterhin überzeugt, dass das Stadtplanungsamt und die Verkehrsplanung hier auf dem richtigen Weg ist. Über Details kann man reden (so wird meines Wissens gerade auf den Impuls der Anwohner die Umkehrung der Einbahnstraße Saalbaustraße geprüft), aber die Verkehrsführung insgesamt zu verteufeln, halte ich für völlig falsch.

2 comments

Sehr geehrter Herr Opitz,
die IgSMollerstadt hat eine international tätige Fachfirma für Straßen und Verkehr beauftragt, die erhobenen Daten zu prüfen und eine Ortsbesichtigung vorzunehmen.
Beide Ergebnisse liegen uns vor und wurden Frau Lindscheid zur Verfügung gestellt.
Fazit: auf die Emfpehlung einer Einbahnstraße in Nord-Süd-Richtung kann aufgrund der vorliegenden Daten nicht geschlossen werden.
Ferner wurde festgestellt, dass die Straßenverhältnisse in der Grafenstraße durchaus die Möglichkeit bieten, mehr Raum für Gastronomie und Fahrradfahrer zu gewährleisten ohne auf den Begegnungsverkehr der Kfz verzichten zu müsssen.
Die IgSMollerstadt ist nicht daran interessiert „Altes wieder Aufzuwärmen“ aber wir sind uns sicher, dass es bessere Lösungen gibt, als die bisher erprobten!
Sollten Sie an den Untersuchungsergebnissen Interesse haben, können diese bei uns angefordert werden.
Mit freundlichen Grüßen
IgSMollerstadt
email: IgSMollerstadt@gmx.de

by IgSMollerstadt on 25. November 2013 at 17:26. #

Sehr geehrte(r) X — schade dass Sie halbanonym bleiben. Aber ich bitte um Zusendung der Daten an mail@ diese Domain

by Stefan Opitz on 25. November 2013 at 19:50. #